Vom Lederranzen zum Textilranzen, die Revolution auf dem Schulhof

Für die Kinder der 80er war es eine schwere Angelegenheit jeden Morgen Bücher, Hefte, Federmäppchen und dazu eine Tasche aus Leder, die selbst schon ordentlich Gewicht auf die Waage brachte mitzuschleppen. Für Generationen von Schulkindern gehörte das aber zum festen Alltag. Dann kam ein Mann aus den österreichischen Alpen und stellte sich eine ziemlich einfache Frage: Warum eigentlich muss eine Schultasche so schwer und so unbequem sein? Seine Antwort sollte das Aussehen deutscher Schulhöfe für Jahrzehnte verändern.

Wenn heute im Spätsommer die ersten Schulranzen vor den Kinderzimmern stehen, wirken sie wie kleine technische Produkte. Sie haben gepolsterte Rückenpartien, verstellbare Gurte, fluoreszierende Flächen, Reflektoren und ausgeklügelte Tragesysteme. Manche wiegen kaum mehr als ein Kilogramm, andere lassen sich beinahe millimetergenau an die Körpergröße des Kindes anpassen. Für Eltern gehört die Frage nach Ergonomie und Sicherheit inzwischen selbstverständlich zum Kauf dazu. Dass der Schulranzen einmal ganz anders aussah, ist für jüngere Generationen kaum vorstellbar. Bis in die siebziger Jahre hinein trugen viele Kinder schwere Ledertaschen, häufig im Querformat. Vollgepackt konnten solche Taschen fünf, sechs oder sogar sieben Kilogramm wogen. Sie waren robust und langlebig, aber nicht unbedingt dafür gemacht einen jungen Rücken möglichst schonend durch den Schulalltag zu bringen.

Einer dem dieser Zustand auffiel war Georg Essl III aus Hermagor in Österreich. Essl war leidenschaftlicher Bergsteiger und kannte deshalb ein Problem, das mit der Schule zunächst wenig zu tun hatte: Wie bringt man schwere Lasten über längere Strecken ohne den Körper unnötig zu belasten? Beim Bergwandern ist die Antwort darauf seit jeher entscheidend. Das Gepäck muss möglichst dicht am Körper liegen, das Gewicht gleichmäßig verteilt werden. Ein guter Rucksack darf nicht einfach nur möglichst viel aufnehmen, er muss mit seinem Träger funktionieren. Essl übertrug dieses Prinzip auf eine Welt in der es bis dahin kaum eine Rolle gespielt hatte: Die Schultasche.

Seine Überlegung war ebenso naheliegend wie damals ungewöhnlich. Warum sollte ein Kind seine Schulsachen in einer breiten Tasche tragen die seitlich vom Körper absteht? Ein hochformatiger Rucksack so Essls Idee konnte die Last wesentlich näher an der Wirbelsäule halten. Dazu kamen Tragesysteme und Polsterungen die man bisher vor allem aus dem Bergsport kannte. Essl wollte eine Schultasche entwickeln die leichter, bequemer und zugleich wetterfest war. Die Konstruktion sollte die Last besser verteilen und eine einseitige Belastung des Rückens vermeiden. Seine Idee ließ er beim Patentamt schützen.

1968 kam daraus die „Körpergerechte Schultasche – Federleicht“ auf den Markt. Der Name klingt aus heutiger Sicht beinahe selbstverständlich, damals war er ein Versprechen. Essls Erfindung zielte nicht nur auf Bequemlichkeit, auch die Sicherheit der Kinder spielte eine immer größere Rolle. Gerade auf dem Schulweg waren Kinder im Straßenverkehr schlecht zu erkennen, Essl setzte deshalb auf auffällige Farben. Blau, Orange und Gelb zogen die Aufmerksamkeit auf sich, Reflektoren die später beinahe liebevoll „Katzenaugen“ genannt wurden sollten dafür sorgen, dass die Kinder auch bei schlechten Lichtverhältnissen besser wahrgenommen wurden. Der Schulranzen wurde damit zum Teil einer neuen Vorstellung vom sicheren Schulweg: Er sollte nicht mehr nur Bücher tragen, sondern seinen Träger schützen.

Für den großen Durchbruch brauchte es allerdings einen Hersteller, der aus der Idee ein Produkt für Millionen machen konnte. Diesen Partner fand Essl im deutschen Lederwarenhersteller Alfred Sternjakob aus Frankenthal in der Pfalz. Sternjakob erkannte das Potenzial der Erfindung und schloss mit dem Österreicher einen sechsjährigen Lizenzvertrag. Was Essl technisch vorgedacht hatte, wurde nun für den Massenmarkt weiterentwickelt. Polyester ersetzte schweres Leder, ein stabilisierter Innenkern gab dem Ranzen seine charakteristische Form, fluoreszierende Warnfarben machten ihn auffällig und Reflektoren sorgten für zusätzliche Sicherheit.

Dann kam das Jahr 1975. Auf den deutschen Schulhöfen tauchte ein neuer Name auf: Scout. 

Der erste Scout-Schulranzen kostete 49 D-Mark. Was heute wie ein unspektakulärer Produktstart klingt, entwickelte sich zu einer der bemerkenswertesten Erfolgsgeschichten der deutschen Schulranzenindustrie. Scout war kantig, auffällig und anders als die klassischen Ledertaschen die viele Kinder bis dahin getragen hatten. Der Ranzen stand aufrecht am Rücken, war vergleichsweise leicht und besaß jene fluoreszierenden Orange- und Gelbtöne die bald zum unverwechselbaren Erscheinungsbild der Marke gehören sollten.

Es war eine kleine Revolution und sie fand dort statt wo Kinder besonders genau beobachten was andere Kinder besitzen: auf dem Schulhof.

Denn ein Schulranzen ist selten nur eine Tasche. Für ein sechsjähriges Kind kann er das erste größere persönliche Eigentum sein. Er begleitet es jeden Morgen aus dem Haus, steht neben ihm im Klassenzimmer und liegt in der Pause auf dem Schulhof. Er zeigt was einem gefällt und manchmal auch was sich die Eltern leisten können. In den siebziger und achtziger Jahren wurde Scout deshalb schnell mehr als ein praktischer Gegenstand. Die Marke entwickelte einen Wiedererkennungswert den nur wenige Produkte für Kinder erreichten.

Und Scout hatte Konkurrenz

In den achtziger Jahren war Amigo der wohl bekannteste Gegenspieler. Wer keinen Scout bekam, trug nicht selten einen Amigo. Die Modelle waren ähnlich kastig, funktional und auf den ersten Blick Teil derselben neuen Schulranzenwelt. Amigo war im Handel häufig die günstigere Alternative und setzte bei seinen Modellen unter anderem auf kräftige rote Farben, runde Reflektoren und bunte Motive. Scout wiederum blieb stark mit seinen auffälligen Orange- und Blautönen verbunden. Für Erwachsene war es ein Wettbewerb zwischen Herstellern. Für Kinder konnte die Frage dagegen erstaunlich wichtig sein: Welcher Ranzen steht morgen neben meinem Platz?

Auch McNeill gehörte zu den Marken die den Markt prägten. Hinter der Marke stand das traditionsreiche Familienunternehmen Thorka aus dem hessischen Hainburg das bereits 1963 gegründet worden war. McNeill kam 1975 auf den Markt, also im selben Jahr wie Scout. Der Name hatte eine ungewöhnliche Herkunft: Firmengründer Thorsten H. Krause benannte die Marke nach seinem Yorkshire-Terrier McNeill. Das Konterfei des Hundes wurde über Jahrzehnte zum Markenzeichen der Ranzen. Während Scout seinen Siegeszug antrat, setzte McNeill auf eine eigene Stärke: die Verbindung von Entwicklung, Gewicht und Tragekomfort. 1983 brachte die Marke einen Leichtranzen auf den Markt der weniger als ein Kilogramm wog. 1988 folgte ein Tragesystem mit integrierten Stoßdämpfern. Damit war der Wettbewerb endgültig dort angekommen, wo Georg Essl ihn einst begonnen hatte: beim Körper des Kindes.

Der Schulranzen wurde leichter, ergonomischer und technisch ausgefeilter. Gleichzeitig veränderte sich sein Aussehen. Was in den siebziger Jahren noch durch vergleichsweise nüchterne Farben und klare Formen geprägt war, wurde in den folgenden Jahrzehnten immer bunter. Der Schulranzen bekam Motive, Figuren, Muster und Farben. Er sollte nicht länger nur sicher und bequem sein, sondern seinem Besitzer gefallen. Aus einem Stück Ausrüstung wurde ein Teil der kindlichen Identität. Gerade darin liegt ein Grund, warum die alten Scout-Ranzen bis heute eine eigentümliche Wirkung haben. Wer einen solchen Ranzen aus den siebziger oder achtziger Jahren sieht, erkennt nicht einfach ein altes Produkt. Man erkennt eine Zeit. Die kantige Form, das orangefarbene Warnfeld, die Reflektoren, die Farben und die typische Materialität erzählen von einer Kindheit, in der die Welt noch anders aussah. Kein Smartphone steckte im Seitenfach, keine App erklärte den Elter ob der Ranzen richtig eingestellt war. Es gab Hefte, Bücher, ein Pausenbrot und vielleicht eine Trinkflasche. Und am nächsten Morgen ging es wieder zu Fuß zur Schule.

Scout wurde in dieser Zeit zu einem Stück deutscher Alltagskultur. Mehr als zehn Millionen Schulranzen hat die Marke nach eigenen Angaben inzwischen verkauft. Aus der ursprünglichen Idee des österreichischen Erfinders wurde ein Produkt, das Generationen begleitet hat. Nicht selten kaufen Eltern heute einen Scout für ihre Kinder, obwohl sie selbst einmal einen getragen haben. Der Schulranzen ist damit zu einem jener Gegenstände geworden, die eine ungewöhnliche Verbindung zwischen verschiedenen Generationen herstellen können.

 

Zum 30-jährigen Jubiläum des ursprünglichen Scout-Modells griff die Marke die Geschichte noch einmal auf und ließ den klassischen Schulranzen in limitierter Auflage als moderne Umhängetasche neu produzieren. Es war eine bemerkenswerte Umkehrung: Aus einem Gegenstand, der einst geschaffen worden war, um Kindern das Tragen ihrer Last zu erleichtern, wurde nun ein Stück Retro-Design. Die Vergangenheit war plötzlich wieder modern.

Heute kostet ein Scout-Schulranzen je nach Modell und Ausstattung ungefähr 120 bis 250 Euro. Die Produkte sind ergonomischer als je zuvor, die Materialien leichter, die Tragesysteme ausgefeilter und die Designs nahezu grenzenlos. Trotzdem steckt in den modernen Modellen noch immer dieselbe Grundidee, die Georg Essl vor mehr als einem halben Jahrhundert hatte: Ein Kind sollte seine Schulsachen nicht einfach irgendwie tragen müssen. Die Last sollte sich dem Körper anpassen nicht der Körper der Last.

Vielleicht ist genau das der Grund warum die Geschichte des Scout-Schulranzens interessanter ist, als es zunächst klingt. Es geht nicht bloß um eine Tasche die Bücher transportiert. Es geht um die Veränderung einer alltäglichen Sache die Millionen Kinder jeden Morgen mit auf ihren Weg genommen haben. Ein Bergsteiger aus Kärnten sah schwere Ledertaschen und fragte sich, ob es nicht besser gehen könnte. Aus dieser Frage entstand ein Patent daraus ein neues Tragesystem, daraus der Scout  und schließlich eine ganze Industrie. Manchmal beginnt eine Revolution eben nicht mit einem großen Knall. Manchmal beginnt sie mit einem Kind, einem schweren Ranzen und einem Erwachsenen, der sich fragt warum das eigentlich so sein muss. Auch Georg Essl erlebte noch wie weit seine Idee getragen hatte. Der österreichische Erfinder starb im Alter von 91 Jahren. Seine eigentliche Hinterlassenschaft ist allerdings nicht nur ein Patent und auch nicht nur eine Marke. Es ist eine Veränderung der Perspektive. Vor Essls Idee war die Schultasche vor allem Behälter: Sie musste Bücher und Hefte aufnehmen und möglichst lange halten. Danach wurde der Schulranzen zunehmend als Teil des Körpers verstanden. Gewicht, Rücken, Tragesystem, Sichtbarkeit und Sicherheit wurden zu entscheidenden Kriterien.