
Es war eine Zeit, in der man für ein kleines Stück Popkultur nicht ins Internet musste, sondern nur einen Flaschenverschluss brauchte. Anfang …
Es war eine Zeit in der man für ein kleines Stück Popkultur nicht ins Internet musste, sondern nur einen Flaschenverschluss brauchte. Anfang der 1980er-Jahre machte Coca-Cola aus seinen Kronkorken kleine Sammelobjekte und plötzlich wurde das Öffnen einer Cola-Flasche zum Glücksmoment. 1982 startete Coca-Cola im deutschsprachigen Raum die ersten sogenannten Knibbelbilder. Auf der Innenseite des Flaschendeckels befand sich eine farbig bedruckte Dichtung, die vorsichtig herausgeknibbelt werden konnte. Die erste Serie trug den Titel „Meilensteine der Verkehrsgeschichte“ und zeigte historische Autos, Flugzeuge, Schiffe und Eisenbahnen. Je nach Quelle wird diese erste Serie mit 48 Motiven angegeben, dazu gab es Sammelposter auf denen die kleinen Bilder ihren Platz fanden. Doch Coca-Cola hatte offenbar schnell erkannt, dass sich aus der Idee noch viel mehr machen ließ, 1983 wurde aus Technik Popmusik: Die „Pop Star Gallery“ war geboren.
Insgesamt 40 internationale Sänger und Bands fanden ihren Weg auf die kleinen Knibbelbilder. Darunter Namen die damals aus Radio, Fernsehen und Plattenläden kaum wegzudenken waren. Auch deutsche und deutschsprachige Künstler waren dabei. Nena, Spliff und Markus gehörten zur Serie, daneben fanden sich internationale Acts wie Toto, Men At Work, Survivor, Boney M., Joan Jett & The Blackhearts, Electric Light Orchestra, Adam Ant und Santana. Der damals wohl bekannteste Artist Michael Jackson war leider nicht dabei, denn er hatte bereits mit Pepsi einen Vertrag.
Das Prinzip war denkbar einfach Flasche kaufen, Kronkorken öffnen und hoffen, dass darunter ein Motiv lag, das noch in der eigenen Sammlung fehlte. Doppelte Bilder wurden getauscht, Sammelposter wurden beklebt und plötzlich konnte eine eigentlich ganz normale Cola-Flasche zum kleinen Schatz werden. Gerade diese Mischung aus Sammeln, Tauschen und Überraschung machte die Aktion so erfolgreich. Rückblickend war es eine frühe Form dessen, was heute mit Sammelkarten, Limited Editions oder digitalen Collectibles funktioniert, man wollte nicht nur das Produkt sondern vor allem das nächste Motiv.
Coca-Cola ging bei der Pop Star Gallery sogar noch einen Schritt weiter. Aus den 40 Künstlern wurden zwölf Favoriten ausgewählt. Am 27. Mai 1983 erschien daraus eine eigene LP und Musikkassette unter dem Titel „Pop Star Gallery“.
Auf der sogenannten Top-12-Zusammenstellung standen:
Nena – „Nur geträumt“
Markus – „Ich will Spaß“
Spliff – „Carbonara“
Men At Work – „Down Under“
Survivor – „Eye of the Tiger“
Boney M. – „Rivers of Babylon“
Bill Haley – „Rock Around the Clock“
Joan Jett & The Blackhearts – „I Love Rock ’n’ Roll“
Electric Light Orchestra – „Hold On Tight“
Adam Ant – „Goody Two Shoes“
Toto – „Rosanna“
Santana – „Hold On“
Damit wurde aus einer Werbeaktion plötzlich ein kleines Stück Musikgeschichte. Die Coca-Cola-Kampagne verband Getränk, Sammelleidenschaft und die damalige Popmusik auf eine Weise, die heute fast schon ungewöhnlich persönlich wirkt.
Nach der Pop Star Gallery folgte 1984 die nächste große Knibbelbild-Aktion: „Olympia-Champions“. Diesmal änderte sich allerdings das Prinzip. Die Olympia-Motive waren nicht mehr einfach aus der Dichtung herauszuknibbeln, sondern wurden direkt in beziehungsweise unter einer transparenten Schicht des Deckels angebracht. Die Knibbelbilder waren damit längst mehr als eine kleine Zugabe. Sammelposter, Gewinnspiele und verschiedene Serien machten aus den Verschlussdichtungen ein eigenes kleines Coca-Cola-Sammeluniversum. Zeitgenössische Berichte und spätere Sammlerquellen erwähnen sogar Gewinne wie ferngesteuerte Flugzeuge und Boote, Carrera- oder Modelleisenbahnen.
Heute wirkt die Idee fast rührend simpel. Kein QR-Code, keine App, kein Onlinekonto und kein Algorithmus entschied darüber, welches Motiv man bekam. Man musste tatsächlich eine Flasche in der Hand halten, den Verschluss öffnen, das kleine Gummibild herauslösen und anschließend jemanden finden, der das fehlende Motiv hatte.
Genau darin liegt wahrscheinlich der nostalgische Reiz der Coca-Cola-Knibbelbilder. Sie waren Teil einer Zeit, in der Werbung noch etwas zum Anfassen sein konnte und in der aus einem Stück bedrucktem Gummi auf einmal ein begehrtes Sammlerstück wurde. Und die kleinen Bilder sind offenbar bis heute nicht verschwunden. Auf Sammlerbörsen und Online-Marktplätzen werden komplette Pop-Star-Gallery-Sammlungen aus dem Jahr 1983 noch immer angeboten. Aktuelle Angebote zeigen, dass sich Sammler weiterhin für einzelne Motive und komplette Sets interessieren.
Die Coca-Cola Pop Star Gallery war damit ein perfektes Kind der 80er: bunt, analog, ein bisschen verrückt und immer mit der Hoffnung verbunden beim nächsten Öffnen genau den Star zu erwischen der noch fehlte.
Wer damals gesammelt hat erinnert sich wahrscheinlich noch an diesen einen Moment: Kronkorken auf, vorsichtig knibbeln und dann die Frage: „Hab ich den schon?“






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